„Sie können mir nichts mehr nehmen“

Mittlerweile ist es Herbst. Viele meiner Kameraden sind gestorben, von meiner Klasse bin nur noch ich übrig. Alle sprechen von Frieden und Waffenstillstand, um dann wieder enttäuscht zu werden und zusammen zu brechen. Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden verdrängt und vergessen zugrunde gehen.

+++++++++++++++++ Er fiel im Oktober 1918.

Der Tag war so ruhig, dass der Heeresbericht nur den Satz enthielt, im Westen sei nichts Neues zu melden. +++++++++++++++++++++++++++++

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 257-259.

„Kat ist tot“

An einem Spätsommertag, beim Essenholen, fällt Kat um. Er ist getroffen, das Schienbein ist zerschmettert. Ich packe ihn auf den Rücken, er ist nicht schwer, wir bahnen uns den Weg zum Verbandsplatz. Granaten pfeifen um uns, wir versuchen uns in einem Trichter zu schützen. Wir erinnern uns an den Gänsebraten oder als Kat mich als kleinen verwundeten Rekruten gerettet hat. Das ist drei Jahre her. Mir wird Angst, ohne ihn zu sein. Wir rauchen noch eine Zigarette. Wir müssen weiter. Endlich erreichen wir die Sanitätsstation, ich breche vor ihr mit Kat zusammen. „Das hättest du dir sparen können“, meint ein Sanitäter. Ich begreife nicht. Es war doch nur eine Beinverletzung. Ich schüttele Kat, da merke ich, dass er aus dem Kopf blutet. Er muss auf dem Weg einen Splitter abbekommen haben. Kat ist tot. Stanislaus Katczinsky ist gestorben.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 256.

„Sommer 1918“

Sommer 1918 – er ist der schwerste, der blutigste, nie war unser Leben so voller Schmerz und Hoffnung, bald kann Frieden sein, lass mich nicht jetzt noch sterben!

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 250f.

„Was nützt es ihm nun, dass er in der Schule so ein guter Mathematiker war?“

Unser Kompagnieführer Bertnick ist vor unseren Augen gefallen. Brustschuss. Nach einer Weile schmettert ein Splitter ihm das Kinn weg und trifft auch noch Leer an der Hüfte. Er verblutet. „Was nützt es ihm nun, dass er in der Schule so ein guter Mathematiker war?“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 249f.

„Graben, Lazarett, Massengrab“

Müller ist tot. Er hat aus nächster Nähe eine Leuchtkugel in den Bauch bekommen. Im Sterben hat er mir seine Stiefel vermacht. Die, die er von Kemmerich bekommen hat. Nach mir soll Tjaden sie bekommen. „Graben, Lazarett, Massengrab“. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 246-248.

„Verrückt“

Unsere Gräben sind zerstört, eigentlich führen wir schon lange keinen richtigen Stellungskrieg mehr. Als Berger erzählt bekam, dass in der Nähe ein verletzt Hund liegen würde machte er sich zielstrebig auf den Weg. Wir konnten uns noch so bemühen, es war nicht möglich ihn zurückzuhalten. Für uns war es klar er hatte einen typischen Frontkoller Anfall. Andere die einen solchen Anfall erlitten tobten oder rannten plötzlich weg, einer versuchte sich mit Händen, Füßen und Mund in die Erde einzugraben. Als Berger schließlich den Meldehund erledigen wollte,  wurde er selbst von einem Beckenschuss getroffen.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 244-246.

„Weshalb hast du denn die Kirschzweige geholt?“

Detering ist nicht mehr bei uns. Es hat alles damit angefangen, dass er einen Kirschbaum gesehen hat. Nachts kam er mit ein paar blühenden Zweigen zurück.

„Weshalb hast du denn die Kirschzweige geholt?“, will ich wissen. Da erzählt er von seinem Hof und dass bald Erntezeit sei. Nachts höre ich ihn packen. Eines Morgens ist er verschwunden. Feldgendarme haben ihn geschnappt. Was wissen Kriegsgerichte denn schon von Heimweg und kurzzeitiger Verwirrung? Wir haben nichts mehr von ihm gehört.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 242-244.

„Der Krieg ist eine Todesursache“

Unser Leben wechselt zwischen Front und Baracken. Der Tod ist mittlerweile zum Alltag geworden. Um mich herum sterben dauernd Kameraden. Jeder von uns hier denkt nur ans Überleben. Wir sind eine Brüderschaft verzweifelt stehen wir einander bei. Wir diskutieren ob es richtig sei, dass Tjaden bei einem gemeldeten Angriff, hastig seine Erbsensuppe löffelt. Solche Dinge sind Probleme für uns, sie sind uns ernst, und es kann auch nicht anders sein.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 239-242.

„Es ist alles noch schlimmer als das letzte Mal“

Albert wird immer ernster. Wären wir nicht dabei, hätte er sich schon längst erschossen. Ich bekomme ein paar Tage Urlaub, Mutter will mich nicht mehr fortlassen. Es fällt mir sehr schwer, mich von Albert zu verabschieden. „Es ist alles noch schlimmer als das letzte Mal.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 237-238.

„Wir fühlen uns jetzt als eine große Familie“

Lewandowski, einer unserer Zimmergenossen, bekommt Besuch von seiner Frau. Er hat sie zwei Jahre nicht gesehen und will das natürlich nutzen. Wir positionieren zwei Mann vor der Tür und spielen drinnen laut Skat. Einer passt solange auf das Baby auf. Später verteilt sie an jeden Würstchen aus ihrer Tasche. Wir fühlen uns jetzt als eine große Familie.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 234-237.