„Morgens Steckrübenrot“

Kat fragt einen der Jüngsten:“Habt wohl lange nichts Vernünftiges zu futtern gekriegt,was?“ Der verzieht nur das Gesicht. Daraufhin gibt Kat dem Jungen weiße Bohnen, die er eingetauscht hat.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 36f.

„Sei froh, dass du so weggekommen bist!“

Kemmerichs Bein wurde amputiert. Er meint, dies sei nichts Schlimmes. Es hätte auch viel schlimmer kommen können, es könnten beide Beine oder Arme sein.

Ich sitze an seinem Bett. Er verfällt mit jeder Sekunde mehr. Sein Gesicht verbleicht. Plötzlich stöhnt und röchelt, fängt an Tränen zu vergießen.

Ich suche einen Arzt. Dieser meint, er habe viel hinter sich und Kemmerich wird der siebte Abgang des Tages sein.

Der Arzt und ich sitzen am Bette Kemmerichs. Er ist tot. Dennoch noch von Tränen überströmt. Seine Augen sind zur Hälfte geöffnet und von der Farbe her gelblich.

Der Arzt fragt, ob ich seine Sachen mitnehmen könne. Er meint: “ Wir müssen ihn gleich wegbringen, wir brauchen das Bett. Draußen liegen sie schon auf dem Flur. “

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 30-35.

“ … bis ich ein Dreckklumpen war und zusammenbrach“

Kropp, Müller, Kemmerich und ich kamen zur neunten Korporalschaft, von Himmelstoß angeführt. Himmelstoß hatte es gleich auf uns mich, Tjaden und Westhus abgesehen. Ich habe mein Bett 14 mal gemacht, alte Stiefel butterweich geputzt und mit vollem Gepäck mit Gewehr auf losem, nassem Sturzacker Sprung auf, marsch, marsch und Hinlegen geübt, bis ich ein Dreckklumpen war und zusammenbrach. Aber kleingekriegt hat er uns nicht. Als Kropp und ich den Latrineneimer über den Hof schleppten, kam Himmelstoß blitzblank zu uns und fragte, ob uns die Arbeit gefiele. Daraufhin gossen wir ihm den Eimer über die Füße und drohten ihm mit einer Untersuchung. Ab da war es vorbei mit der Macht, zwar befolgten wir die Befehle, aber so langsam, dass er in Verzweiflung geriet. Er ließ uns dann in Ruhe.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 26-29.

„Mit Begeisterung waren wir Soldaten geworden“

„Wir wurden zehn Wochen militärisch ausgebildet und in dieser Zeit lernten wir mehr als in zehn Jahren Schule. Begeistert wurden wir Soldaten.“ Nach drei Wochen war es für uns Gewohnheit, dass ein Briefträger mehr Macht über uns hat, als sie unsere Eltern früher hatten.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S.25f.

„Jugend? Das ist lange her. Wir sind alte Leute“

Kemmerich liegt im Feldlazarett. Man hat ihm ein Bein abgenommen. Wir wissen alle, dass er sterben wird. Müller würde gerne seine Siefel haben. Auf dem Heimweg denke ich an den Brief, den ich morgen an Kemmerichs Mutter schreiben muss.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 18-22.

„Und wir sahen, dass nichts von ihrer Welt übrigblieb“

Unser Klassenlehrer Kantorek hat uns immer lange Vorträge gehalten, dass wir uns melden sollen. Und das haben wir auch alle, wir haben ihm und seinen Reden geglaubt. Das erste Trommelfeuer hat uns allerdings gezeigt, dass wir uns geirrt haben. Nur Josef Behm hatte damals gezögert und er ist auch als erster gefallen.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 15-18.

Foto entnommen aus: Lewis Milestone, All quiet on the Western Front, Spielfilm USA, 1930.

„Latrinenparole“

Wunderbar gedankenlose Stunden kann man in der Gemeinschaftslatrine verbringen. Sie sind „Klatschecken und Stammtischersatz“ zugleich. Die drei Holzkästen stehen inmitten von Klatschmohn, der rot leuchtet. Hier verbringen wir wunderbare, „gedankenlose Stunden“. Über uns ist nur der blaue Himmel und rund um uns herum blühen die Wiesen. 

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 12-15.

„Die zweite Kompagnie sind wir“

Küchenkarl, auch die Tomate genannt, hat für 150 Leute gekocht, doch wir sind nur noch 80 Mann. Der Rest ist der 2. Kompagnie ist im Massengrab geblieben. Der Tomate hat das natürlich gar nicht gepasst, dass sie jetzt alle Bohnen ausgeben musste. Aber so sind wir wenigstens mal geworden! Es gibt sogar Brot, Wurst, Tabak und sogar für jeden noch ein halbes Pfund Kunsthonig.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 7-12.