„Kat ist tot“

An einem Spätsommertag, beim Essenholen, fällt Kat um. Er ist getroffen, das Schienbein ist zerschmettert. Ich packe ihn auf den Rücken, er ist nicht schwer, wir bahnen uns den Weg zum Verbandsplatz. Granaten pfeifen um uns, wir versuchen uns in einem Trichter zu schützen. Wir erinnern uns an den Gänsebraten oder als Kat mich als kleinen verwundeten Rekruten gerettet hat. Das ist drei Jahre her. Mir wird Angst, ohne ihn zu sein. Wir rauchen noch eine Zigarette. Wir müssen weiter. Endlich erreichen wir die Sanitätsstation, ich breche vor ihr mit Kat zusammen. „Das hättest du dir sparen können“, meint ein Sanitäter. Ich begreife nicht. Es war doch nur eine Beinverletzung. Ich schüttele Kat, da merke ich, dass er aus dem Kopf blutet. Er muss auf dem Weg einen Splitter abbekommen haben. Kat ist tot. Stanislaus Katczinsky ist gestorben.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 256.

„Sommer 1918“

Sommer 1918 – er ist der schwerste, der blutigste, nie war unser Leben so voller Schmerz und Hoffnung, bald kann Frieden sein, lass mich nicht jetzt noch sterben!

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 250f.

„Was nützt es ihm nun, dass er in der Schule so ein guter Mathematiker war?“

Unser Kompagnieführer Bertnick ist vor unseren Augen gefallen. Brustschuss. Nach einer Weile schmettert ein Splitter ihm das Kinn weg und trifft auch noch Leer an der Hüfte. Er verblutet. „Was nützt es ihm nun, dass er in der Schule so ein guter Mathematiker war?“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 249f.

„Graben, Lazarett, Massengrab“

Müller ist tot. Er hat aus nächster Nähe eine Leuchtkugel in den Bauch bekommen. Im Sterben hat er mir seine Stiefel vermacht. Die, die er von Kemmerich bekommen hat. Nach mir soll Tjaden sie bekommen. „Graben, Lazarett, Massengrab“. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 246-248.

„Verrückt“

Unsere Gräben sind zerstört, eigentlich führen wir schon lange keinen richtigen Stellungskrieg mehr. Als Berger erzählt bekam, dass in der Nähe ein verletzt Hund liegen würde machte er sich zielstrebig auf den Weg. Wir konnten uns noch so bemühen, es war nicht möglich ihn zurückzuhalten. Für uns war es klar er hatte einen typischen Frontkoller Anfall. Andere die einen solchen Anfall erlitten tobten oder rannten plötzlich weg, einer versuchte sich mit Händen, Füßen und Mund in die Erde einzugraben. Als Berger schließlich den Meldehund erledigen wollte,  wurde er selbst von einem Beckenschuss getroffen.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 244-246.

„Weshalb hast du denn die Kirschzweige geholt?“

Detering ist nicht mehr bei uns. Es hat alles damit angefangen, dass er einen Kirschbaum gesehen hat. Nachts kam er mit ein paar blühenden Zweigen zurück.

„Weshalb hast du denn die Kirschzweige geholt?“, will ich wissen. Da erzählt er von seinem Hof und dass bald Erntezeit sei. Nachts höre ich ihn packen. Eines Morgens ist er verschwunden. Feldgendarme haben ihn geschnappt. Was wissen Kriegsgerichte denn schon von Heimweg und kurzzeitiger Verwirrung? Wir haben nichts mehr von ihm gehört.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 242-244.

„Es ist alles noch schlimmer als das letzte Mal“

Albert wird immer ernster. Wären wir nicht dabei, hätte er sich schon längst erschossen. Ich bekomme ein paar Tage Urlaub, Mutter will mich nicht mehr fortlassen. Es fällt mir sehr schwer, mich von Albert zu verabschieden. „Es ist alles noch schlimmer als das letzte Mal.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 237-238.

„Wir fühlen uns jetzt als eine große Familie“

Lewandowski, einer unserer Zimmergenossen, bekommt Besuch von seiner Frau. Er hat sie zwei Jahre nicht gesehen und will das natürlich nutzen. Wir positionieren zwei Mann vor der Tür und spielen drinnen laut Skat. Einer passt solange auf das Baby auf. Später verteilt sie an jeden Würstchen aus ihrer Tasche. Wir fühlen uns jetzt als eine große Familie.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 234-237.

„Und was soll aus uns werden?“

Unbeschreibliches Leid beherbergt das Lazarett. Bauchschüsse, Kopfschüsse, Amputiert, Gasverletzte. Wie sinnlos ist doch alles, was je getan, gedacht, geredet wurde, wenn so etwas möglich ist. Wenn es eine Kultur von Jahrtausenden nicht geschafft hat, so etwas zu verhindern. ich bin jung aber ich kenn nur den Tod. Was wird die Generation unserer Väter sagen, wenn wir sie einmal dafür zur Rechenschaft ziehen? Was wird sein, wenn einmal Frieden ist? „Und was soll aus uns werden?“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 232f.

„Was sagt ihr nun?“

Alberts Bein muss amputiert werden. Er will sich erschießen, sobald er an einen Revolver kommt. Auf unserer Station sterben dauernd Leute, da hilft auch das Sterbezimmer nichts. Da kommt auf einem Peter Wächter wieder zu uns hereingefahren, das hat noch keiner erlebt, dass jemand aus dem Sterbezimmer wieder zurückkam: „Was sagt ihr nun?“, strahlt er.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 230-232.