„Besser ein Klumpfuß als tot“

Ich bin operiert worden, mein Bruch verheilt nicht. Der Arzt möchte zwei Soldaten ihre Plattfüße operieren. Sie wollen nicht. Josef warnt sie, dass der Arzt sie nur als Versuchskaninchen benutzt und sie danach Klumpfüße haben, „Besser ein Klumpfuß als tot“, meint der eine. Am nächsten Tag werden sie chlorofomiert und weggebracht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 229f.

„Weiß es denn jeder?“

Franz Wächer wird abgeholt. Sie bringen in in das Sterbezimmer, wie Hamacher mir erklärt. Scheinbar weiß das jeder, der länger hier ist.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 226-228.

„Laufen kann hier keiner“

Nachts fängt Franz Wächter an zu bluten. Wir klingeln nach der Schwester, doch die kommt nicht. Wir klingeln die halbe Nacht. Endlich kommt sie und schimpft, warum sie keiner gerufen habe. „Wir haben geklingelt, Laufen kann hier keiner“, entgegnen wir. Franz ist am nächsten Morgen bereits ganz gelb im Gesicht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 225f.

„Ich habe einen Jagdschein“

Der Lazarettinspektor will wissen, wer die Flasche geworfen hat. Ein Bärtiger meldet sich. Der Lazarettinspektor rauscht wütend ab. Ich will wissen, wer er ist und warum er das auf sich genommen hat. „Ich bin Josef Hamacher. Ich habe einen Jagdschein“, sagt er. Er hatte eine Kopfverletzung und ein Attest, was ihm vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit attestiert. „Morgen werfen wir wieder“, lacht er.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 224f.

„Beten ist besser als schlafen“

Wir sind in einem katholischen Lazarett gelandet. Es sind nicht genügend Ärzte da, so dass wir warten müssen. Draußen wird es auf einmal laut, die Schwestern haben die Tür geöffnet und beten. Wir wollen schlafen und fordern sie auf, die Tür zu schließen. „Beten ist besser als schlafen“, entgegnet mir eine Schwester. Ich werde wütend und werfe eine Flasche auf den Gang, die zersplittert. Das Gebet hört auf. „Heiden“, schimpft eine Schwester und schließt die Tür.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 222-224.

Foto entnommen aus: Lewis Milestone, All quiet on the Western Front, Spielfilm USA, 1930.

„38,7 Grad“

Albert soll an der nächsten Station ausgeladen werden, weil er Fieber hat. Wir wollen uns nicht trennen. Ich lasse mir ein Fieberthermometer geben und erhitze es mit dem Feuerzeug. 38, 7 Grad. Albert und ich werden zusammen ausgeladen.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 221f.

„Klein oder groß?“

Nachts falle ich aus dem Bett, als ich zur Latrine will. Die junge Krankenschwester kommt und hebt mich wieder zurück. Sie ist erst 25, wenn es eine ältere Schwester wäre! Kropp hat jedoch weniger Scham und sagt ihr, dass ich austreten möchte. „Klein oder groß?“, fragt sie nur. Nur klein, erwidere ich. Diese Blamage, ich schäme mich zu Tode, ich schwitze wie ein Tier. Nach ein paar Stunden bin ich jedoch nicht mehr der Einzige und jetzt haben wir auch kein Problem mehr, die Schwestern zu rufen.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 219-221.

„Wegen der Läuse“

Wir werden in den Lazarettzug geladen. Ich sehe das blütenweiße Laken und möchte mich nicht hineinlegen. Ich sage der jungen Schwester, dass es wegen meinem dreckigen Hemd ist. Aber sie lacht nur. Ich zögere. Versteht sie denn nicht? Irgendwann brülle ich sie an: „Wegen der Läuse“. Aber sie lacht erneut, dass die auch mal einen guten Tag haben sollten.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 217-219.

„Morgen geht’s ab nach Hause!“

Ich will auf gar keinen Fall chloroformiert werden! Der Arzt, ein blonder Typ mit Schmissen und hässlich-goldener Brille, wühlt in meiner Wunde. Ich möchte schreien, aber er wird nichts von mir hören. Endlich hat er einen Splitter aus meiner Wunde gezogen und das Bein wird eingegipst. „Morgen geht’s ab nach Hause!“, sagt er. Albert und ich können einen Feldwebel mit Zigarren bestechen, dass wir in den gleichen Lazarettzug kommen. Nachts können wir nicht schlafen,  in unserem Saal sterben sieben Leute.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 215f..

„Ich hätte nie auf Urlaub fahren dürfen“

Es ist meine letzte Nacht. Mutter sitzt auf meinem Bett. Ich tue, als ob ich schlafe. Sie sitzt da die ganze Nacht. Ich spiele vor, zu erwachen. Sie warnt mich vor den Frauen in Frankreich und hat mir extra neue Unterhosen besorgt. Wir hätten uns noch so vieles zu sagen. Ach, Mutter, Mutter! Ich beiße in mein Kopfkissen, ich war gleichgültig, als ich herkam, jetzt ergreifen mich Schmerz, Schmerz um meine Mutter, um mich. „Ich hätte nie auf Urlaub fahren dürfen.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 163-166.