„Es ist alles noch schlimmer als das letzte Mal“

Albert wird immer ernster. Wären wir nicht dabei, hätte er sich schon längst erschossen. Ich bekomme ein paar Tage Urlaub, Mutter will mich nicht mehr fortlassen. Es fällt mir sehr schwer, mich von Albert zu verabschieden. „Es ist alles noch schlimmer als das letzte Mal.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 237-238.

„Wir fühlen uns jetzt als eine große Familie“

Lewandowski, einer unserer Zimmergenossen, bekommt Besuch von seiner Frau. Er hat sie zwei Jahre nicht gesehen und will das natürlich nutzen. Wir positionieren zwei Mann vor der Tür und spielen drinnen laut Skat. Einer passt solange auf das Baby auf. Später verteilt sie an jeden Würstchen aus ihrer Tasche. Wir fühlen uns jetzt als eine große Familie.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 234-237.

„Und was soll aus uns werden?“

Unbeschreibliches Leid beherbergt das Lazarett. Bauchschüsse, Kopfschüsse, Amputiert, Gasverletzte. Wie sinnlos ist doch alles, was je getan, gedacht, geredet wurde, wenn so etwas möglich ist. Wenn es eine Kultur von Jahrtausenden nicht geschafft hat, so etwas zu verhindern. ich bin jung aber ich kenn nur den Tod. Was wird die Generation unserer Väter sagen, wenn wir sie einmal dafür zur Rechenschaft ziehen? Was wird sein, wenn einmal Frieden ist? „Und was soll aus uns werden?“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 232f.

„Was sagt ihr nun?“

Alberts Bein muss amputiert werden. Er will sich erschießen, sobald er an einen Revolver kommt. Auf unserer Station sterben dauernd Leute, da hilft auch das Sterbezimmer nichts. Da kommt auf einem Peter Wächter wieder zu uns hereingefahren, das hat noch keiner erlebt, dass jemand aus dem Sterbezimmer wieder zurückkam: „Was sagt ihr nun?“, strahlt er.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 230-232.

„Besser ein Klumpfuß als tot“

Ich bin operiert worden, mein Bruch verheilt nicht. Der Arzt möchte zwei Soldaten ihre Plattfüße operieren. Sie wollen nicht. Josef warnt sie, dass der Arzt sie nur als Versuchskaninchen benutzt und sie danach Klumpfüße haben, „Besser ein Klumpfuß als tot“, meint der eine. Am nächsten Tag werden sie chlorofomiert und weggebracht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 229f.

„Weiß es denn jeder?“

Franz Wächer wird abgeholt. Sie bringen in in das Sterbezimmer, wie Hamacher mir erklärt. Scheinbar weiß das jeder, der länger hier ist.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 226-228.

„Laufen kann hier keiner“

Nachts fängt Franz Wächter an zu bluten. Wir klingeln nach der Schwester, doch die kommt nicht. Wir klingeln die halbe Nacht. Endlich kommt sie und schimpft, warum sie keiner gerufen habe. „Wir haben geklingelt, Laufen kann hier keiner“, entgegnen wir. Franz ist am nächsten Morgen bereits ganz gelb im Gesicht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 225f.

„Ich habe einen Jagdschein“

Der Lazarettinspektor will wissen, wer die Flasche geworfen hat. Ein Bärtiger meldet sich. Der Lazarettinspektor rauscht wütend ab. Ich will wissen, wer er ist und warum er das auf sich genommen hat. „Ich bin Josef Hamacher. Ich habe einen Jagdschein“, sagt er. Er hatte eine Kopfverletzung und ein Attest, was ihm vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit attestiert. „Morgen werfen wir wieder“, lacht er.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 224f.

„Beten ist besser als schlafen“

Wir sind in einem katholischen Lazarett gelandet. Es sind nicht genügend Ärzte da, so dass wir warten müssen. Draußen wird es auf einmal laut, die Schwestern haben die Tür geöffnet und beten. Wir wollen schlafen und fordern sie auf, die Tür zu schließen. „Beten ist besser als schlafen“, entgegnet mir eine Schwester. Ich werde wütend und werfe eine Flasche auf den Gang, die zersplittert. Das Gebet hört auf. „Heiden“, schimpft eine Schwester und schließt die Tür.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 222-224.

Foto entnommen aus: Lewis Milestone, All quiet on the Western Front, Spielfilm USA, 1930.

„38,7 Grad“

Albert soll an der nächsten Station ausgeladen werden, weil er Fieber hat. Wir wollen uns nicht trennen. Ich lasse mir ein Fieberthermometer geben und erhitze es mit dem Feuerzeug. 38, 7 Grad. Albert und ich werden zusammen ausgeladen.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 221f.