Der Krieg als apokalyptisches Erlebnis – die Friedhofsszene

Szenenanalyse S.61-66 (Angriff auf dem Friedhof):

Inhalt der Szene:

In der Szene nähert sich Paul mit seiner Kompagnie einem Friedhof und sie geraten unter plötzlichen Artilleriebeschuss. Paul wird von einem Splitter verletzt und verliert fast das Bewusstsein, als Katczinsky einen Gasangriff wahrnimmt. Während des Angriffes rettet er einen jungen Rekruten und sucht anschließend mit Katczinsky und Albert Kropp Schutz in einem Erdloch, ein weiterer Soldat wird durch einen Sarg verletzt und die Gruppe sucht ihn zu befreien. Als Paul endlich einen Soldaten ohne Gasmaske wahrnimmt, zieht auch er seine Maske ab und verlässt den Trichter.

Analyse der Szene:

Der Abiturient wirkt am Anfang der Szene noch ruhig, seine Schilderung der Natur bewegt nicht nur ihn, sondern auch den Leser zu einem kurzen Moment des Innehaltens:

„Der Himmel ist eine Spur heller geworden. (…) Der Wind ist frisch und kühl (…)“ (S.61). Mit dem Erreichen der „Nebelzone“ sowie der Beschreibung des Friedhofes mit den „schwarzen Kreuzen“ (S.61) wird jedoch langsam Spannung aufgebaut, die Gruppe wird zudem unruhig und ängstlich, was sich vor allem in der wörtlichen Rede darstellt: „Ich wollte wir wären erst zuhause“, sagt beispielsweise Kat. Paul gibt sich zu Beginn noch gefasst und orientiert sich an der Umgebung, wo er „jeden Schritt Boden“ kennt (S.61).

Die Atmosphäre wechselt jedoch abrupt und mit ihr auch die Sprache des Erzählers, in kurzen und abgehackten Sätzen wird der plötzliche Angriff dargestellt: „In diesem Augenblick pfeift es hinter uns, schwillt, kracht, donnert. Wir haben uns gebückt – hundert Meter vor uns schießt eine Feuerwolke empor“ (S.61).

Die lautmalerischen Verben erzeugen zudem dramatische Geräuschkulisse, so sich dass der Leser mit Paul selbst mitten im Geschehen zu befinden scheint. Der Erzähler schildert wiederum die Natur, welche sich vor ihm regelrecht auflöst, so heben sich ganze Waldstücke empor, Bäume entwurzeln (vgl. S.61). Mit Hyperbeln, Vergleichen und Metaphern wie „Schwärzere Dunkelheiten als die Nacht“, „Riesenbuckeln“, „ein aufgewühltes Meer“ wird der Krieg in seiner ungeheuren Macht der Zerstörung dargestellt, welche dem Weltuntergang gleicht: „Vor uns birst die Erde. Es regnet Schollen“ (S.62). Durch Assonanzen und Alliterationen wie „wogt und tobt“ oder „Feuer (…) überflackert den Friedhof“ oder die drei aneinandergereihten Partizipien „zerstampft, zerfetzt, zerrissen“ wird das zerstörerische Chaos zudem klanglich untermalt.

Paul Bäumer gibt das Geschehen nun auch in der „Ich-Form“ und nicht mehr nur als kollektives „Wir“ wieder. Er wird verletzt, was ihm Angst bereitet: „Ich spüre einen Ruck. Mein Ärmel ist aufgerissen durch einen Splitter. Ich balle die Faust. Keine Schmerzen. Doch das beruhigt mich nicht (…)“ (S.62). Die schnelle Abfolge von kurzen parataktischen erzeugt zudem Hektik und lässt den Leser mit dem jungen Soldaten mitempfinden, der innerhalb des Geschehens einfach mitgerissen wird: „Mit einem Satz schnelle ich mich lang vor, flach wie ein Fisch über dem Boden – da pfeift es wieder, rasch krieche ich zusammen, greife nach Deckung (…)“ (S.62). Seine Deckung, ausgerechnet in einem Grab, wo er noch dazu einen Toten entdeckt, steht symbolisch für seine prekäre Situation  (vgl. S.63). Das nahe Beieinander von Leben und Tod im Krieg wird zudem verdeutlicht, als Paul ausgerechnet Schutz unter dem Sarg sucht (vgl. S.63).

In dem nun folgenden Gasangriff agiert Paul zunächst passiv, als er von Kat gepackt und angebrüllt wird (vgl. S.63). Dann reagiert Paul jedoch sofort wieder intuitiv, als er einen jungen Rekruten entdeckt, der noch keine Gasmaske aufhat: „Ich reiße die Gaskapsel heran … Etwas entfernt von mir liegt jemand. (…) Ich rufe, schiebe mich heran, schlage mit der Kapsel nach ihm (…)“ (S.63). Seine Gedanken, die sich in all der Hektik erster Linie um das Wohl des jungen Soldaten drehen, werden durch Einschübe untermalt (vgl. S.63). In ebensolcher Hektik verläuft die Rettungsaktion des vierten Soldaten, der eilig von den Kameraden versorgt wird (vgl S. 65).

Nach dieser Rettungsaktion sieht sich Paul nun mit den eigenen körperlichen Strapazen während des Angriffes konfrontiert: „Mein Kopf brummt und dröhnt in der Gasmaske, er ist nahe am Platzen“ (S.65). Sein Fokus ist nun allein auf sich selbst und das eigene Durchhaltevermögen gerichtet, ehe er sich die Gasmaske abreißen kann: Mit der Metapher „die Welle überschwemmt mich und löscht mich dunkel aus“ (S.66) endet die Szene.