Die Sinnlosigkeit des Krieges – die Duval-Episode

Inhalt der Szene:

Paul Bäumer ist in einen Feuerüberfall geraten und findet Deckung in einem Granattrichter. Ein französischer Soldat, der zu ihm in den Trichter springt, wird von Paul im Affekt mit einem Dolch schwer verwundet. Mehrere Stunden muss der junge Soldat mit dem sterbenden Franzosen in dem Trichter verbringen und sich der Verantwortung stellen, ein Menschenleben ausgelöscht zu haben. Von Schuldgefühlen geplagt, reflektiert er die Moral des Krieges. Am Ende der Szene wird er von seinen Kameraden gefunden.

Analyse der Szene:

Als der französische Soldat zu Paul in den Trichter fällt, reagiert der Abiturient intuitiv und sticht zu: „Ich denke nichts, ich fasse keinen Entschluss – ich stoße rasend zu (…)“ (S. 192). Von dem Verletzten nimmt er nur ein Röcheln wahr. Er gerät in Panik, was man an seinen kurzen Satzreihen erkennt: „Ich möchte ihm den Mund zuhalten, Erde hineinstopfen, noch einmal zustechen, er soll still sein, er verrät mich (…)“ (S.192).  Auf engstem Raum sucht er vergeblich Abstand zu dem Verwundeten und kriecht „in die entfernteste Ecke“ (S.192). Er möchte der ganzen Situation entfliehen, doch ist er gefangen in dem Trichter (vgl. S. 192). Pauls Verzweiflung wird, als er fleht, das Feuer möge aufhören und seine Kameraden ihn finden (vgl. S.193). Zudem versucht er das Blut von seinen Händen abzureiben (vgl. S. 193) und ihm wird übel, als er sich damit konfrontiert sieht, der Situation nicht entkommen zu können.

Das fortdauernde Röcheln des Franzosen versucht er zunächst vergebens auszublenden und er hält sich die Ohren zu und möchte jeden Kontakt vermeiden, nach einer Weile blickt er jedoch zu der „Gestalt“ (S.193). Mit der ersten genaueren Betrachtung gewinnt der Franzose für Paul zum ersten Mal annähernd menschliche Züge, der Erzähler beschreibt diesen als „Mann mit einem kleinen Schnurrbart“ (S.193). Beim Anblick des Franzosen sieht sich der junge Soldat mit seinem Handeln konfrontiert er sucht sich zu beruhigen, er muss sich jedoch der Realität stellen: „Er ist tot, sage ich mir, er muss tot sein“ (S. 194) und wenig später: „Der Mann ist nicht tot, er stirbt, aber er ist nicht tot“ (S.194). Die Wiederholungen heben dabei die ungeordneten Gedanken Pauls hervor. 

Als der Eingesperrte sich dem Sterbenden nähert, muss er seiner Tat im wahrsten Sinne ins Auge blicken, denn der Franzose schlägt die Augen auf (vgl. S. 194). Das Augenmotiv steht hierbei für Pauls direkte Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln. Obgleich die beiden nicht miteinander kommunizieren können, sprechen die Augen zu Paul, sie „schreien, brüllen, in ihnen ist alles Leben versammelt zu einer unfassbaren Anstrengung“ (S. 194) und verfolgen Paul (vgl. S.194). Mit der Begegnung der beiden Blicke kommen die beiden sich jedoch menschlich näher und der 19jährige versucht die Schmerzen des französischen Soldaten zu lindern und flößt ihm Wasser ein (vgl. S.195). Mit der Anrede „Kamerad, camarade, camarade, camarade“ stellt sich Paul Bäumer mit dem Kriegsgegner das erste Mal auf eine gemeinsame Ebene (S.195).

Der langsame Tod des Soldaten gibt Paul Anlass zur Reflexion seiner Tat, eingesperrt auf engstem Raum überfluten ihn seine Gedanken: „Es ist der erste Mensch, den ich mit meinen Händen getötet habe, den ich genau sehen kann, dessen Sterben mein Werk ist“ (…) und „Jeder Atemzug legt mein Herz bloß“ (S. 196). Nach dem Tod des Soldaten nimmt Paul ihn zudem das erste Mal als Individuum wahr mit einem Leben und Angehörigen (vgl. S. 197). In seiner Verzweiflung wirkt Paul sehr kindlich, als er sich sogar wünscht, sein alter Lehrer säße nun neben ihm oder er an seine Mutter denkt (vgl. S197f.). Er bittet um Vergebung und stellt die Sinnhaftigkeit des Krieges infrage: „Vergib mir, Kamerad! (…) Warum sagt man uns nicht immer wieder, dass ihr ebenso arme Hunde seid wie wir“ (S. 198). Hier wird zudem deutlich, dass er nach wie vor darauf angewiesen scheint, von einer Autorität geleitet zu werden. Seine Reflexionen werden nun mehr und mehr zu kindlichen Phantasien, in der er sein Handeln wiedergutzumachen versucht: „Ich will seiner Frau schreiben (…)“ (S. 199).  Mit dem Öffnen der Brieftasche und der Namensgebung des Toten Gérard Duval hat das Opfer zudem einen Namen und damit eine Identität erhalten (S. 200). Pauls emotionale Beteuerungen „Es darf nie wieder geschehen“ (S. 201) bleiben jedoch vage, erschöpft gesteht er sich ein, dass er kein Versprechen wird halten können (S. 201).

Im Vergleich zu den beiden anderen Szenen ist Paul hier allein auf sich konzentriert, er spricht in der Ich-Form und nicht wie sonst im kollektiven „Wir“. Zudem wirkt er hier hilflos und kindlich, entsprechend sucht er nach Halt und Autorität. Seine Gedanken werden deutlich ausführlicher dargestellt als in anderen Szenen, er wird nicht nur mitgerissen, sondern reflektiert als Gefangener auf engstem Raum sein Handeln ausführlich. Letztendlich bleibt er jedoch verhaftet in seiner Rolle als Soldat, der von Schuldgefühlen geplagt ist, sich jedoch nicht gegen die Maschinerie des Krieges wehren kann.