„Himmelstoß ist unterwegs nach hier“

Tjaden hat einen Major nachlässig gegrüßt, weshalb wir heute Ehrenbezeihungen üben mussten. Kat meint, dass wir den Krieg noch verlieren, weil wir zu gut grüßen können. Wir erinnern uns an unsere Zeit in der Kaserne: Mittagshitze, Kasernenhof und Trommelüben! Das liebste Spiel unseres Korporals Himmelstoß war „In Löhne umsteigen“, unsere Betten waren die Unterführung des Bahnhofes Löhne und auf das Kommando: „In Löhne umsteigen!“ krochen wir alle wie der Blitz unter den Betten hindurch auf die andere Seite. Himmelstoß war unser Briefträger. Eigentlich müsste er ein bescheidener Mann gewesen sein. Ich denke,  dass die Uniform aus ihm einen solchen Schinder gemacht hat. Kat denkt, dass es daran liegt, dass eben immer einer über den anderen Macht hat. Und als wir noch darüber lamentieren, erscheint der aufgeregte Tjaden und teilt uns mit, dass Himmelstoß an die Front kommt.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 40-45.

Foto entnommen aus: Lewis Milestone, All quiet on the Western Front, Spielfilm USA, 1930.

„Das ist Kat“

Katczinsky ist ein guter Freund, der jedes Handwerk beherrscht und einen sechsten Sinn besitzt, was Essen angeht. Zum Beispiel, als wir nachts in einen völlig unbekannten Ort, ein trübseliges Nest, welches bis auf die Mauern ausgepowert ist, kamen und ein Artillerist nur lachte, als wir in nach Essen fragten. Er meinte: „Hat sich was! Hier ist nichts zu holen. Keine Brotrinde holst du hier.“ Doch Katczinsky kam mit zwei Broten und einem blutigen Sandsack mit Pferdefleisch. Daraufhin fiel dem Artillerist die Pfeife aus dem Mund.

„Das ist Kat. Wenn in einem Jahr in einer Gegend nur eine Stunde lang etwas Essbares aufzutreiben wäre, so würde er genau in dieser Stunde, wie von einem Erleuchtung getrieben, seine Mütze aufsetzen, hinausgehen, geradewegs wie nach einem Kompass darauf zu, und es finden.“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 37-40.

„Morgens Steckrübenrot“

Kat fragt einen der Jüngsten:“Habt wohl lange nichts Vernünftiges zu futtern gekriegt,was?“ Der verzieht nur das Gesicht. Daraufhin gibt Kat dem Jungen weiße Bohnen, die er eingetauscht hat.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 36f.

„Sei froh, dass du so weggekommen bist!“

Kemmerichs Bein wurde amputiert. Er meint, dies sei nichts Schlimmes. Es hätte auch viel schlimmer kommen können, es könnten beide Beine oder Arme sein.

Ich sitze an seinem Bett. Er verfällt mit jeder Sekunde mehr. Sein Gesicht verbleicht. Plötzlich stöhnt und röchelt, fängt an Tränen zu vergießen.

Ich suche einen Arzt. Dieser meint, er habe viel hinter sich und Kemmerich wird der siebte Abgang des Tages sein.

Der Arzt und ich sitzen am Bette Kemmerichs. Er ist tot. Dennoch noch von Tränen überströmt. Seine Augen sind zur Hälfte geöffnet und von der Farbe her gelblich.

Der Arzt fragt, ob ich seine Sachen mitnehmen könne. Er meint: “ Wir müssen ihn gleich wegbringen, wir brauchen das Bett. Draußen liegen sie schon auf dem Flur. “

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 30-35.

“ … bis ich ein Dreckklumpen war und zusammenbrach“

Kropp, Müller, Kemmerich und ich kamen zur neunten Korporalschaft, von Himmelstoß angeführt. Himmelstoß hatte es gleich auf uns mich, Tjaden und Westhus abgesehen. Ich habe mein Bett 14 mal gemacht, alte Stiefel butterweich geputzt und mit vollem Gepäck mit Gewehr auf losem, nassem Sturzacker Sprung auf, marsch, marsch und Hinlegen geübt, bis ich ein Dreckklumpen war und zusammenbrach. Aber kleingekriegt hat er uns nicht. Als Kropp und ich den Latrineneimer über den Hof schleppten, kam Himmelstoß blitzblank zu uns und fragte, ob uns die Arbeit gefiele. Daraufhin gossen wir ihm den Eimer über die Füße und drohten ihm mit einer Untersuchung. Ab da war es vorbei mit der Macht, zwar befolgten wir die Befehle, aber so langsam, dass er in Verzweiflung geriet. Er ließ uns dann in Ruhe.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 26-29.

„Mit Begeisterung waren wir Soldaten geworden“

„Wir wurden zehn Wochen militärisch ausgebildet und in dieser Zeit lernten wir mehr als in zehn Jahren Schule. Begeistert wurden wir Soldaten.“ Nach drei Wochen war es für uns Gewohnheit, dass ein Briefträger mehr Macht über uns hat, als sie unsere Eltern früher hatten.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S.25f.

„Das war ein 30,5. Ihr hört es am Abschuss“

Wir sitzen in einem Lastwagen in Richtung Front. Müller ist am Besten gelaunt, er trägt Kemmerichs Schuhe. Anders als Kat, er prophezeit schon die ganze Zeit, dass es Kattun gibt. Auch Kemmerichs Laune ändert sich, als die Tommys den Kampf zu früh eröffnen. Seit diesem Moment beginnt die Nervosität und Angst …

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 49-52 .

„Jugend? Das ist lange her. Wir sind alte Leute“

Kemmerich liegt im Feldlazarett. Man hat ihm ein Bein abgenommen. Wir wissen alle, dass er sterben wird. Müller würde gerne seine Siefel haben. Auf dem Heimweg denke ich an den Brief, den ich morgen an Kemmerichs Mutter schreiben muss.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, erschienen 1929, 5. Auflage, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014, S. 18-22.