Paul Bäumer

Mein Name ist Paul Bäumer. Ich war 19 Jahre alt, als ich mich kurz vor dem Abitur freiwillig zum Krieg gemeldet habe. Meine ganze Klasse, 20 Jungen, hat sich damals gemeldet, unser Dorfschulmeister Kantorek war wahnsinnig stolz auf uns. Heute weiß ich, dass er uns mit seinem leeren Geschwätz in die Hölle geschickt hat. Behm wollte damals nicht so recht. Er ist auch als erster von uns gefallen.

Ich bin in Osnabrück aufgewachsen und habe eine ältere Schwester namens Erna.  Wir sind nie sehr zärtlich in der Familie gewesen, das ist nicht üblich bei armen Leuten, die viel arbeiten müssen und Sorgen haben. Meine Mutter ist schwer krank, sie hat wieder Krebs, dennoch backt sie mir mein Lieblingsessen, Kartoffelpuffer mit Preiselbeeren, und hat mir sogar warme Unterhosen besorgt. Sie ist der Grund, warum ich mir Sorgen mache und warum ich Angst habe, wieder an die Front zu müssen. Ich erzähle ihr nicht,  was sich in meinem Inneren abspielt und sage ihr, dass der Krieg nicht so schlimm sei. Mein Vater ist ein einfacher Handwerker und kann kaum für die Krankenhausaufenthalte meiner Mutter zahlen. Sicher wird er bis zwölf Uhr nachts an seinem Tisch stehen und kleben und falzen und schneiden. Um acht Uhr abends wird er etwas essen von diesem kraftlosen Zeug, das sie auf Karten beziehen. Hinterher wird er ein Pulver gegen seine Kopfschmerzen einnehmen und weiterarbeiten.

Ich habe es sehr schnell bereut, mich freiwillig gemeldet zu haben. Unser ehemaliger Postbote Himmelstoß, ein richtiger Schinder, hat uns in der Kaserne stets schikaniert. Wir haben es ihm aber mal ordentlich gezeigt. Vor kurzem ist Himmelstoß zu uns an die Front versetzt worden. Tjaden und Kropp mussten in den Strafarrest, weil sie sich seinen Befehlen widersetzt haben.

Hier an der Front sind meine besten Freunde Kat, der ist so etwas wie ein Vater für mich und hat mir als jungem Rekruten schon aus dem Schlamassel geholfen. Dann sind da wie oben schon erwähnt Tjaden, das ewige Glückskind, dann Detering und Haie Westhus. Dann sind da natürlich meine Klassenkame­ra­den Müller, Leer und Kropp. Anfangs gab es noch Kemmerich. Kemmerichs Mutter hatte mir damals aufgetragen, auf ihn aufzupassen. Er ist im Lazarett gestorben und Müller hat seine Stiefel bekommen. Ich musste es seiner Mutter sagen. Ich habe ihr jedoch erzählt, dass er sofort tot war. Sie hat mir geglaubt.

Vor dem Krieg habe ich sehr gerne gelesen, ich habe auch eigene Gedichte geschrieben und sogar ein Drama mit dem Titel „Saul“ begonnen. Die Bücher habe ich mir von dem Geld gekauft, das ich mit Nachhilfestunden verdient habe. Ich kann auch ein wenig Klavier spielen. Mit Mädchen habe ich noch keine richtige Erfahrung. Hier ist das alles anders: Wenn wir nicht an der Front sind, zählt nur Ruhe, Essen und eine geregelte Verdauung. Mehr braucht der einfache Soldat nicht.  In der Natur, zwischen rotem Klatschmohn können wir zudem in den Latrinenbaracken herrlich für uns sein und Skat spielen. Kat findet zudem immer etwas zum Essen. Einmal hat er sogar eine ganze Gans aufgetrieben. Ich rauche sehr viel und trinke gerne Kognac, wenn einer aufzutreiben ist.

Was ich nach dem Krieg machen möchte, weiß ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einmal Frieden gibt. Oder dass wir wieder nach Hause zurückkommen und einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Wir sind andere Menschen geworden, keine Kinder mehr, zu Hause fühle ich mich fremd, einsam, verloren. Ich gehöre zu einer verlorenen Generation.

Foto entnommen aus: Lewis Milestone, All Quiet on the Western Front,  Spielfilm USA 1930.